Wenn Leute hörten, dass wir über 120 verschiedene Kulturen auf gerade mal 2000 Quadratmetern angebaut haben, war die Reaktion immer die gleiche: ungläubiges Staunen. Wie soll das gehen? Ist das nicht Chaos? Die Antwort: Ja, es sieht chaotisch aus. Aber hinter dem scheinbaren Durcheinander steckt ein durchdachtes System.
Die Philosophie: Vielfalt als Schutzschild
Monokulturen sind anfällig. Ein Schädling, eine Krankheit – und die gesamte Ernte ist gefährdet. Im Market Gardening setzen wir auf das genaue Gegenteil: maximale Vielfalt auf minimaler Fläche. Tomaten neben Basilikum, Möhren zwischen Zwiebeln, Ringelblumen als Nachbarn der Kohlköpfe. Was für das ungeübte Auge wie ein wilder Garten aussieht, ist in Wahrheit ein Ökosystem.
Die Beetplanung
Unsere Beete waren standardisiert: 75 Zentimeter breit, 15 Meter lang. Das klingt militärisch, hat aber einen praktischen Grund: Alle Werkzeuge – Saatbrettchen, Hackgeräte, Vliesabdeckungen – passen exakt auf diese Breite. Zwischen den Beeten lagen 35 Zentimeter schmale Pfade, gerade breit genug für einen Fuß. Jeder Zentimeter zählt.
Im Winter, wenn draußen alles still war, begann die eigentliche Arbeit: der Anbauplan. Ein riesiges Spreadsheet, in dem jedes Beet für jede Woche des Jahres geplant wurde. Wann wird gesät? Wann wird gepflanzt? Wann wird geerntet? Was kommt danach? Manche Beete hatten drei oder sogar vier Kulturen pro Saison.
Die Fruchtfolge
Fruchtfolge klingt nach Lehrbuch, ist aber im Market Gardening überlebenswichtig. Wir haben nie zweimal hintereinander die gleiche Pflanzenfamilie auf demselben Beet angebaut. Nachtschattengewächse (Tomaten, Paprika, Kartoffeln) wechselten sich ab mit Leguminosen (Bohnen, Erbsen), die den Stickstoff im Boden anreichern. Danach kamen Blattgemüse, die von diesem Stickstoff profitieren. So ernährte der Boden sich quasi selbst.
Unser Kulturen-Highlight: Die vergessenen Sorten
Neben den Klassikern – Tomaten, Salat, Zucchini – hatten wir Kulturen, die kaum jemand noch kennt. Haferwurzel, Mairüben, Postelein, Rote Melde, Tomatillo, verschiedene essbare Blüten. Diese alten Sorten sind nicht nur kulinarisch spannend, sondern auch oft robuster als ihre modernen Verwandten. Sie brauchen weniger Wasser, kommen mit schlechteren Böden zurecht und haben eine natürliche Resistenz gegen viele Krankheiten.
Unsere Mitglieder waren anfangs skeptisch. Was soll ich mit einer Haferwurzel? Aber genau das war Teil unserer Mission: Menschen wieder neugierig auf echte Lebensmittel zu machen. Wir haben Rezeptkarten beigelegt, auf Feldtagen gemeinsam gekocht und gezeigt, dass eine Rote Melde im Salat nicht nur schön aussieht, sondern auch fantastisch schmeckt.
120 Kulturen auf 2000 Quadratmetern – das war kein Experiment. Das war unser Beweis, dass Vielfalt funktioniert. Auf dem Feld, auf dem Teller und in den Köpfen.