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  • Vom Samen bis zur Ernte: Ein komplettes Jahr im FREILANDWERK

    Ein Jahr im Market Gardening ist wie ein Marathonlauf, bei dem sich das Tempo ständig ändert. Es gibt Phasen der Stille, Phasen der Hektik und Momente, in denen alles gleichzeitig passiert. Hier ist unser Jahresablauf – ungefiltert, mit allen Höhen und Tiefen.

    Januar und Februar: Die Schreibtischzeit

    Während draußen alles gefroren ist, sitzt man drinnen und plant. Der Anbauplan wird geschrieben, Saatgut bestellt, Werkzeuge gewartet. Es ist die ruhigste Zeit des Jahres, aber gleichzeitig die wichtigste. Fehler in der Planung rächen sich im Sommer doppelt und dreifach. Wir haben Stunden damit verbracht, die Belegung jedes einzelnen Beetes Woche für Woche durchzurechnen. Welche Kultur folgt auf welche? Wann muss vorgezogen werden? Wie viele Jungpflanzen brauchen wir für 45 Ernteanteile?

    Ende Februar beginnt die Anzucht auf der Fensterbank und im kleinen Gewächshaus. Paprika und Chili brauchen ewig zum Keimen, also müssen sie als Erste in die Erde. Es gibt wenig Aufregenderes als den Moment, wenn die ersten grünen Spitzen durch die Aussaaterde brechen.

    März und April: Der Startschuss

    Sobald der Boden nicht mehr gefroren ist, geht es raus. Die Beete werden vorbereitet – Kompost verteilt, Oberfläche geebnet, Vlies ausgelegt. Die ersten Direktsaaten gehen in den Boden: Radieschen, Spinat, Rucola, Asiasalate. Diese robusten Kulturen vertragen leichte Fröste und liefern die erste Ernte schon nach wenigen Wochen.

    Gleichzeitig explodiert das Gewächshaus. Hunderte von Jungpflanzen wachsen in kleinen Erdpresstöpfen heran. Tomaten, Salate, Kohlrabi, Fenchel – alles drängt ans Licht. Man gießt morgens, dreht mittags die Belüftung auf und hofft, dass keine Spätfrost-Nacht alles zunichtemacht. Es ist eine nervöse Zeit. Die Eisheiligen Mitte Mai sind der Stichtag, nach dem man theoretisch alles raussetzen kann. Theoretisch.

    Mai und Juni: Die Explosion

    Mai ist der intensivste Monat. Alles muss gleichzeitig passieren: Jungpflanzen auspflanzen, weiter direktsäen, die ersten Beete schon wieder für Folgekulturen vorbereiten, mulchen, bewässern, Unkraut in Schach halten. Zwölf-Stunden-Tage sind die Regel, nicht die Ausnahme.

    Aber dann kommt der Lohn: Im Juni füllen sich die Erntekisten. Salate in allen Farben, Radieschen mit diesem unmöglichen Knack, Kohlrabi so zart, dass man ihn roh essen kann. Die SoLaWi-Mitglieder strahlen bei der Abholung, und für einen Moment vergisst man die Rückenschmerzen und den Schlafmangel. Dieses Gefühl, wenn jemand in ein frisch geerntetes Radieschen beißt und sagt: „Das schmeckt ja ganz anders“ – dafür macht man das alles.

    Juli und August: Die Hitze und die Mücken

    Der Hochsommer ist zweischneidig. Einerseits ist es die ertragreichste Zeit: Tomaten, Gurken, Zucchini, Bohnen, Paprika, Auberginen, Mangold, Kräuter – alles auf einmal. Die Erntekisten sind so voll, dass sie kaum zu tragen sind. Andererseits ist es auch die härteste Zeit. Die Hitze macht Mensch und Pflanze zu schaffen. Bewässerung wird zum Vollzeitjob. Und die Mücken – oh, die Mücken im Marschland.

    Im August beginnt bereits die Planung für den Herbst. Wintergemüse wird gesät: Grünkohl, Palmkohl, Winterpostelein, Feldsalat. Manche Sommerbeete werden geräumt und sofort neu bepflanzt. Der Market Garden steht nie still.

    September und Oktober: Die goldene Zeit

    Wenn sich das Licht ändert und die Morgen kühler werden, beginnt die schönste Phase. Die Kürbisse leuchten orange auf dem Feld, die letzten Tomaten reifen langsam nach, und der Grünkohl wartet auf den ersten Frost, der ihn süßer macht. Die Arbeit wird ruhiger, aber es gibt immer noch viel zu tun: Ernte einbringen, Beete für den Winter vorbereiten, Kompost aufsetzen.

    Der Oktober ist auch Erntefest-Zeit. Wir haben unsere SoLaWi-Mitglieder eingeladen, die letzten Kartoffeln eigenhändig aus der Erde zu holen, Kürbisse zu schnitzen und gemeinsam eine Suppe aus allem zu kochen, was das Feld hergab. Diese Tage gehören zu den schönsten Erinnerungen des FREILANDWERKS.

    November und Dezember: Die Ruhe kehrt ein

    Die letzten Ernten werden eingebracht. Feldsalat und Postelein liefern noch bis weit in den Dezember. Dann werden die Beete mit einer dicken Schicht Mulch oder Gründüngung abgedeckt, die Werkzeuge eingeölt, das Gewächshaus aufgeräumt. Der Boden bekommt seine verdiente Ruhe.

    Und während man abends am Ofen sitzt und die Saatgutkataloge für das nächste Jahr durchblättert, weiß man schon: In wenigen Wochen geht alles wieder von vorne los. Und man freut sich darauf. Trotz der Rückenschmerzen, trotz der Mücken, trotz der Nächte, in denen man wach liegt und sich fragt, ob der Frost die Setzlinge erwischt hat.

    Ein Jahr im FREILANDWERK war kein Job. Es war ein Lebensgefühl. Dreckige Hände, volle Kisten, müde Knochen und das tiefe Wissen, dass man etwas Richtiges tut – das ist Market Gardening.

  • 120 Kulturen auf 2000 Quadratmetern: Unser Anbauplan im Detail

    Wenn Leute hörten, dass wir über 120 verschiedene Kulturen auf gerade mal 2000 Quadratmetern angebaut haben, war die Reaktion immer die gleiche: ungläubiges Staunen. Wie soll das gehen? Ist das nicht Chaos? Die Antwort: Ja, es sieht chaotisch aus. Aber hinter dem scheinbaren Durcheinander steckt ein durchdachtes System.

    Die Philosophie: Vielfalt als Schutzschild

    Monokulturen sind anfällig. Ein Schädling, eine Krankheit – und die gesamte Ernte ist gefährdet. Im Market Gardening setzen wir auf das genaue Gegenteil: maximale Vielfalt auf minimaler Fläche. Tomaten neben Basilikum, Möhren zwischen Zwiebeln, Ringelblumen als Nachbarn der Kohlköpfe. Was für das ungeübte Auge wie ein wilder Garten aussieht, ist in Wahrheit ein Ökosystem.

    Die Beetplanung

    Unsere Beete waren standardisiert: 75 Zentimeter breit, 15 Meter lang. Das klingt militärisch, hat aber einen praktischen Grund: Alle Werkzeuge – Saatbrettchen, Hackgeräte, Vliesabdeckungen – passen exakt auf diese Breite. Zwischen den Beeten lagen 35 Zentimeter schmale Pfade, gerade breit genug für einen Fuß. Jeder Zentimeter zählt.

    Im Winter, wenn draußen alles still war, begann die eigentliche Arbeit: der Anbauplan. Ein riesiges Spreadsheet, in dem jedes Beet für jede Woche des Jahres geplant wurde. Wann wird gesät? Wann wird gepflanzt? Wann wird geerntet? Was kommt danach? Manche Beete hatten drei oder sogar vier Kulturen pro Saison.

    Die Fruchtfolge

    Fruchtfolge klingt nach Lehrbuch, ist aber im Market Gardening überlebenswichtig. Wir haben nie zweimal hintereinander die gleiche Pflanzenfamilie auf demselben Beet angebaut. Nachtschattengewächse (Tomaten, Paprika, Kartoffeln) wechselten sich ab mit Leguminosen (Bohnen, Erbsen), die den Stickstoff im Boden anreichern. Danach kamen Blattgemüse, die von diesem Stickstoff profitieren. So ernährte der Boden sich quasi selbst.

    Unser Kulturen-Highlight: Die vergessenen Sorten

    Neben den Klassikern – Tomaten, Salat, Zucchini – hatten wir Kulturen, die kaum jemand noch kennt. Haferwurzel, Mairüben, Postelein, Rote Melde, Tomatillo, verschiedene essbare Blüten. Diese alten Sorten sind nicht nur kulinarisch spannend, sondern auch oft robuster als ihre modernen Verwandten. Sie brauchen weniger Wasser, kommen mit schlechteren Böden zurecht und haben eine natürliche Resistenz gegen viele Krankheiten.

    Unsere Mitglieder waren anfangs skeptisch. Was soll ich mit einer Haferwurzel? Aber genau das war Teil unserer Mission: Menschen wieder neugierig auf echte Lebensmittel zu machen. Wir haben Rezeptkarten beigelegt, auf Feldtagen gemeinsam gekocht und gezeigt, dass eine Rote Melde im Salat nicht nur schön aussieht, sondern auch fantastisch schmeckt.

    120 Kulturen auf 2000 Quadratmetern – das war kein Experiment. Das war unser Beweis, dass Vielfalt funktioniert. Auf dem Feld, auf dem Teller und in den Köpfen.

  • Solidarische Landwirtschaft: Wie unser SoLaWi-Modell funktionierte

    Solidarische Landwirtschaft – kurz SoLaWi – war für das FREILANDWERK mehr als ein Vertriebsmodell. Es war eine Philosophie: Eine Gemeinschaft trägt gemeinsam das Risiko und teilt die Ernte. Kein Zwischenhandel, kein Preisdruck, keine Lebensmittelverschwendung.

    Das Prinzip

    Unsere Mitglieder zahlten einen monatlichen Beitrag und erhielten dafür wöchentlich eine Kiste mit saisonalem Gemüse, Kräutern und Blumen. Was genau drin war, bestimmte die Natur – nicht der Großmarkt. Im Juni gab es Berge von Salat und Radieschen, im September Kürbis, Zucchini und die letzten Tomaten. Im Winter wurde es ruhiger, aber auch dann gab es Feldsalat, Postelein und Wurzelgemüse.

    Transparenz statt Vertragsklauseln

    Wir haben unseren Mitgliedern nicht nur Gemüse geliefert – wir haben sie eingeladen. Feldtage, gemeinsame Ernte-Aktionen, offene Gespräche über Kosten und Herausforderungen. Wenn ein Hagelsturm die Tomaten zerstört hat, wussten unsere Mitglieder das nicht erst beim Blick in die leere Kiste, sondern vorher. Diese Transparenz hat Vertrauen geschaffen, das kein Bio-Siegel der Welt ersetzen kann.

    Was wir gelernt haben

    SoLaWi funktioniert, wenn die Gemeinschaft stimmt. Nicht jeder Mensch ist bereit, die Unberechenbarkeit der Natur mitzutragen. Manche erwarten Supermarkt-Zuverlässigkeit zum Bio-Preis. Andere wiederum blühen auf, wenn sie verstehen, dass ihre Karotte eine Geschichte hat – von der Aussaat bis zur Ernte.

    Unser SoLaWi-Modell hatte bis zu 45 Ernteanteile. Jeder Anteil versorgte eine Familie oder Einzelperson für die gesamte Saison. Die Abholstation war gleichzeitig ein sozialer Treffpunkt, an dem Rezepte getauscht und Geschichten erzählt wurden.

    Das Wichtigste, was wir mitgenommen haben: Lebensmittel bekommen einen ganz anderen Wert, wenn man die Menschen kennt, die sie angebaut haben.

  • Mulchen: Der stille Held im Market Garden

    Mulchen klingt nicht spektakulär. Kein fancy Werkzeug, keine Hightech-Lösung – einfach nur eine Schicht organisches Material auf dem Boden. Und doch war Mulch im FREILANDWERK einer unserer wichtigsten Verbündeten.

    Was Mulch wirklich leistet

    Eine gute Mulchschicht aus Stroh, Grasschnitt oder gehäckseltem Laub hält die Feuchtigkeit im Boden, unterdrückt Unkraut und füttert die Bodenlebewesen. In heißen Sommern war der Unterschied zwischen gemulchten und offenen Beeten dramatisch: Während die nackten Beete in der Mittagshitze austrockneten, blieb unter der Mulchdecke ein feuchtes, lebendiges Mikroklima.

    Die richtige Schichtdicke

    Wir haben mit 5 bis 10 Zentimetern gearbeitet. Zu dünn, und das Unkraut drückt durch. Zu dick, und die Feuchtigkeit staut sich, was Schnecken anlockt. Der Trick ist, die Schicht im Laufe der Saison immer wieder aufzufrischen, weil die Bodenlebewesen sie von unten abbauen – genau das soll ja passieren.

    Unser Fazit nach drei Jahren: Wer mulcht, gießt weniger, jätet weniger und erntet mehr. So einfach ist das manchmal.

  • Warum krummes Gemüse das bessere Gemüse ist

    Im Supermarkt wird aussortiert, was nicht der Norm entspricht. Krumme Gurken, knubbelige Kartoffeln, doppelte Möhren – sie alle landen im Abfall, obwohl sie genauso gut schmecken. Oft sogar besser.

    Im FREILANDWERK haben wir das anders gesehen. Jede Frucht, die aus einem gesunden Boden gewachsen ist, verdient ihren Platz auf dem Teller. Die Form sagt nichts über den Geschmack, aber alles über ein System, das Perfektion über Substanz stellt.

    Wer einmal eine krumme Karotte frisch aus der Erde gezogen und direkt ins Essen geschnippelt hat, der weiß: Geschmack braucht keine Norm.